Schaûl, Anwar: Ich und die Dich­tung (JID2)

Im Jah­re 1974 schrieb Anwar Schaûl an sei­nen Freund Mîr Bas­rî ein Gedicht als Ant­wort auf sei­ne Fra­ge, ob er denn noch dich­te. In die­sem Ant­wort­ge­dicht wird sei­ne Zer­ris­sen­heit sicht­bar. Er zeigt, dass es ihm in Isra­el eigent­lich gut geht, er sich trotz­dem nach sei­ner ira­ki­schen Hei­mat sehnt. Refle­xio­nen, Ver­mu­tun­gen, Unsi­cher­heit, Reue – alles schwingt in sei­nen ara­bi­schen Ver­sen mit. Mir gefällt die­ses Gedicht so gut, dass ich die Über­set­zung in die Rei­he Jüdisch-ira­ki­sche Dich­tung mit auf­neh­men muss­te.

Ich und die Dich­tung1

Fragst du mich, ob ich das Dich­ten auf­gab?
Und ob die Muse weit fort­ging?
Kein Fun­ke schim­mert durch die Dun­kel­heit,
kein Schrei scheucht die Schla­fen­den auf,
weder gibt es eine Kla­ge für die Träu­me und Rei­me,
noch eine Melo­die aus einer voll­kom­me­nen Hym­ne.

Fragst du mich, ob ich das Dich­ten auf­gab?
Und ob die Muse weit fort­ging?
Und wie ich die Treue mei­nes Gelieb­ten ver­ra­ten konn­te?
Wie ich den Bund der saf­ti­gen Jugend bre­chen,
mei­nen Wein ver­gie­ßen, mei­nen Krug weg­wer­fen,
mein Buch schlie­ßen, mei­ne Augen ver­bin­den,
wie ich Staub gegen mei­nen Gold­staub ein­tau­schen
und raschen Fußes in mein eige­nes Grab lau­fen konn­te?!

Fragst du mich, ob ich das Dich­ten auf­gab?
Ob ich die Rei­me weit weg­warf?
Und wie die Rei­me bedeu­tungs­los für mich wer­den konn­ten?
Wie lan­ge leb­ten mein Herz und mei­ne Zun­ge zusam­men!
Wodurch wetteif’re ich mit mei­nen Tagen,
wodurch kämp­fe ich mit mei­nen Schmer­zen,
wodurch hal­te ich die Sor­gen ab von mir?
Mei­ne Dich­tung ist doch mein Schwert und Schild!

Wodurch hal­te ich die hef­ti­gen Trä­nen zurück,
wodurch ver­ber­ge ich Lie­be und Lei­den­schaft?
Wie webe ich mein Netz und wer­fe es aus?
Aber mein Tag ist glück­lich und ich habe mei­nen Anteil!
Wodurch lie­be ich? Wodurch bete ich?
Und wie zeigt sich bei mir die Ver­klä­rung?
Wie soll­te ich nach Lie­be und Frie­den for­dern?
Ich könn­te wohl sagen: mein Traum hat sich erfüllt!

Fragst du mich, ob ich das Dich­ten auf­gab?
Ob ich die Rei­me weit weg­warf?
War­um? Und wie? Denn ich habe, bei mei­nem Leben,
mei­ne Befehls­ge­walt auf die Dich­tung ver­hängt.
Dar­in ließ ich den glück­li­chen Ver­bre­cher leben –
dar­in wer­de ich wohl als Mär­ty­rer ster­ben!

  1. Über­setzt aus: Šāʾūl, Anwar: Qiṣṣat Ḥayātī fī Wādī ar-Rāfi­dayn / Mūrīh, Šamūʾīl (Hrsg.). Jeru­sa­lem: Manšūrāt Rābiṭat al-Ǧāmiʿīyīn al-Yahūd an-Nāziḥīn min al-ʿIrāq, 1980, S. 87–88.