Abû Nuwâs: Rama­dan (KAD2)

Der mus­li­mi­sche Fas­ten­mo­nat Rama­dan neigt sich bald dem Ende. Mehr als die Hälf­te ist schon vor­bei. Erst kürz­lich mein­te jemand recht ent­täuscht zu mir, dass ihm der Rama­dan in sei­ner heu­ti­gen Form nicht mehr gefal­le, da es nur noch dar­um gehe, sich am Ende des Tages den Bauch voll­zu­schla­gen und Seri­en zu schau­en. Ob es denn frü­her anders gewe­sen sei, frag­te ich ihn. Er hielt kurz inne und nick­te dann.

Irgend­wie fühl­te ich mich an die weih­nacht­li­chen Schnee­vor­stel­lun­gen erin­nert. Frü­her hat­ten wir wei­ße Weih­nach­ten … Moment mal! Wahr­schein­lich war es nur eine ein­zi­ge wei­ße Weih­nacht und die­se Erin­ne­rung (viel­leicht noch nicht ein­mal mei­ne eige­ne) hat sich so ins Gedächt­nis ein­ge­brannt, dass sie – im Zusam­men­spiel mit ande­ren Erin­ne­run­gen – das Gedächt­nis etwas ver­zerrt.

Ich habe ihn dann mit ein paar Ver­sen mei­nes Lieb­lings­dich­ters Abû Nuwâs (gest. um 815) bekannt gemacht. Jener war wohl eher vom Rama­dan und dem Fas­ten genervt. Es ist also kei­ne moder­ne Erschei­nung, son­dern ein ewi­ges Schla­mas­sel.

Und hier nun die drei Gedich­te in mei­ner Über­set­zung:

Die Hälf­te des Rama­dans1

Wenn der Rama­dan zur Hälf­te um ist,
erwar­ten uns Schwel­ge­rei und Musik.
Die Nây2 wird instand gesetzt, das Tam­bu­rin geschnürt,
und zwi­schen den Lieb­ha­bern gehen die Schüs­seln3 umher,
bis zur Ver­hei­ßung des Tages, an dem es kei­nen Unter­schied gibt;
bis sie sich sich schließ­lich ver­sam­meln, sich anein­an­der­rei­hen,
sich ent­blö­ßen, ein­an­der umar­men und inein­an­der ver­schlin­gen –
dann sind eini­ge von ihnen der Boden und eini­ge das Dach.4

Räch dich am Rama­dan!5

Räch dich am Rama­dan,
mit feins­tem Wein aus Krü­gen!
Ver­bring Schaw­wâl6 in Schwel­ge­rei,
mit Sän­ge­rin­nen zum Ver­gnü­gen!
Täg­lich sei dir min­des­tens
zwei­ma­li­ger Rausch beschert.
Schaw­wâl hat uns beglückt –
ist uns’res Dan­kes wert.
Musik und Rausch brach­te er uns,
hat uns von Zügeln befreit.
Der bes­te Monat liegt für mich
vom Rama­dan ganz weit.

Wie lan­ge noch?7

O Monat, wie lang bleibst du noch?
Wir haben dich leid und satt.
Könn­te man einen Monat töten,
gewiss, dann töte­ten wir dich.
Wann immer wir Schaw­wâl prei­sen,
zeit­gleich beschimp­fen wir dich.
Wie sehr seh­nen wir uns danach,
ach, wärest du doch schon fort!

  1.  Über­setzt aus: Wag­ner, Ewald (Hrsg.): Dīwān Abī Nuwās al-Ḥasan Ibn-Hāniʾ al-Ḥakamī. Band 5. Bei­rut: al-Resa­lah Publishers; Ber­lin: Schwarz, 2003, S. 217. — Die­se Ver­se konn­te ich beim bes­ten Wil­len nicht rei­men, ohne dabei erheb­lich vom ursprüng­li­chen Text abzu­wei­chen.
  2. Die Nây ist eine Flö­te. Die Instru­men­te schei­nen eine Anspie­lung auf die Geschlechts­or­ga­ne zu sein.
  3. Hier scheint der Vor­gang des Iftârs (des abend­li­chen Fas­ten­bre­chens) dar­ge­stellt zu wer­den. Die Schüs­seln (oder Plat­ten) wer­den beim gemein­sa­men Essen her­um­ge­reicht. Eine ande­re Les­art wäre ṣuḥuf als Plu­ral zu ṣaḥī­fa: »Sei­ten«. D. h., sie schi­cken sich Brie­fe, da sie sich (auf­grund der sexu­el­len Ent­halt­sam­keit wäh­rend des Fas­ten­mo­nats) nicht sehen kön­nen. Aller­dings scheint der Iftâr pas­sen­der, da im wei­te­ren Ver­lauf das Gebet ver­ball­hornt wird.
  4. D. h., man­che lie­gen oben und man­che unten. Eine ande­re Ver­si­on des letz­ten Ver­ses lau­tet: »dann sind eini­ge von ihnen die Matrat­ze und ande­re die Decke«. — Hier scheint er ein gän­gi­ges Motiv der Kna­ben­lie­be auf­ge­grif­fen zu haben, wobei zum Bei­spiel der­je­ni­ge, der mit der Ober­flä­che des Tep­pichs in Berüh­rung kommt, der pas­si­ve Lieb­ha­ber ist.
  5. Über­setzt aus: Wag­ner, Ewald (Hrsg.): Dīwān Abī Nuwās al-Ḥasan Ibn-Hāniʾ al-Ḥakamī. Band 5. Bei­rut: al-Resa­lah Publishers; Ber­lin: Schwarz, 2003, S. 220.
  6. Das ist der Monat, der nach dem Rama­dan kommt.
  7.  Über­setzt aus: Wag­ner, Ewald (Hrsg.): Dīwān Abī Nuwās al-Ḥasan Ibn-Hāniʾ al-Ḥakamī. Band 2. Wies­ba­den: Stei­ner, 1972, S. 100.