Anwar Schaûl

Anwar Schaûl (أنور شاؤل) wur­de 1904 in al-Hil­la gebo­ren. Er wuchs eben­dort auf und besuch­te die Schu­le, bis sei­ne Fami­lie 1916 nach Bag­dad zog, wo er dann eine Schu­le der Alli­an­ce Israé­li­te Uni­ver­sel­le besuch­te. Noch wäh­rend sei­ner Zeit an der Ober­schu­le, in den Jah­ren 1924 und 1925, unter­rich­te­te er an Pri­vat­schu­len Ara­bisch. 1927 begann er sein Rechts­stu­di­um in Bag­dad, das er 1931 abschloss. Seit­dem übte er den Anwalts­be­ruf aus und arbei­te­te als Bera­ter für Regie­rungs­in­sti­tu­tio­nen und Unter­neh­men.

Schaûl schrieb zunächst unter dem Pseud­onym as-Sama­wal für die Zei­tung al-Mis­bâh (»die Leuch­te«). Sie war die ers­te jüdi­sche Zei­tung, die im Irak auf Ara­bisch her­aus­ge­ge­ben wur­de (1924), und sie ver­öf­fent­lich­te neben Dich­tung auch Kurz­ge­schich­ten.1 Seit 1929 gab Schaûl die wöchent­li­che Zeit­schrift al-Hâsid her­aus, die er nach 16 Aus­ga­ben wie­der been­de­te. Jedoch nahm er die Her­aus­ga­be im Juli 1930 wie­der auf, bis ihre letz­te Aus­ga­be im März 1937 erschien. Die Zeit­schrift bot vie­len jun­gen Schrift­stel­lern die Mög­lich­keit zur Ver­öf­fent­li­chung ihrer lite­ra­ri­schen Schöp­fun­gen.2

Schaûl sah die Juden im Irak als inte­gra­len Bestand­teil der ira­ki­schen Nati­on. Als jüdi­scher Schrift­stel­ler, der wie vie­le ande­re jüdi­sche Intel­lek­tu­el­le in engem Kon­takt mit der all­ge­mei­nen ara­bisch-mus­li­mi­schen Kul­tur leb­te, fin­den sich in Schaûls Wer­ken ara­bisch und ira­kisch patrio­ti­sche Moti­ve, bis zu dem Punkt, wo sie sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät ver­wi­schen.

Sein wich­tigs­ter Bei­trag zur ira­ki­schen Lite­ra­tur der 1920er und 1930er Jah­re war die Kurz­ge­schich­te.3 In der Ein­lei­tung zu Die ers­te Ern­te4, einer der ers­ten ira­ki­schen Samm­lun­gen, dis­ku­tier­te er die Kunst der Kurz­ge­schich­te als kri­ti­sches Medi­um für sozia­le Refor­men, deren Wur­zeln in den Bräu­chen und Tra­di­tio­nen der umge­ben­den Gesell­schaft lie­gen.

Auf­grund sei­ner Über­zeu­gung, dass ira­ki­sche Juden in der ara­bi­schen Kul­tur leben müs­sen, lehn­te Schaûl die zio­nis­ti­schen Akti­vi­tä­ten im Irak ab. Als die poli­ti­schen Span­nun­gen eska­lier­ten, unter­zeich­ne­te er 1937 – zusam­men mit vie­len ande­ren füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten der jüdi­schen Gemein­schaft – eine anti­zio­nis­ti­sche Erklä­rung.5 Er wei­ger­te sich mit der Mas­sen­emi­gra­ti­on der 1950er Jah­re nach Isra­el aus­zu­wan­dern, aber im Jahr 1971 ver­ließ er schluss­end­lich doch den Irak und ging nach Isra­el, wo er sei­ne lite­ra­ri­schen Akti­vi­tä­ten fort­setz­te und sogar hebräi­sche Poe­sie schrieb.

Im Jahr 1980 ver­öf­fent­lich­te er sei­ne Auto­bio­gra­phie Geschich­te mei­nes Lebens im Zwei­strom­land6, die nicht nur die Ent­wick­lung eines jüdisch-ara­bi­schen Intel­lek­tu­el­len im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert zeigt, son­dern auch Schaûls tie­fe Sehn­sucht nach sei­ner ira­ki­schen Hei­mat offen­bart. Ein Jahr vor sei­nem Tod ver­öf­fent­lich­te er eine Gedicht­samm­lung Ein neu­er Tag brach an7, die Gedich­te ent­hält, die er im Irak und in Isra­el geschrie­ben hat­te.

Anwar Schaûl starb 1984 in Isra­el, nach­dem er in völ­li­ge Ver­ges­sen­heit gera­ten war.

  1.  Bash­kin, Orit: New Baby­lo­ni­ans. A Histo­ry of Jews in Modern Iraq. Stan­ford, Cali­for­nia: Stan­ford Uni­ver­si­ty Press, 2012, S. 24.
  2. Ibid., S. 24ff.
  3. Baṣrī, Mīr: Aʿlām al-Yahūd fī al-ʿIrāq al-ḥadīṯ / Mūrīh, Šamūʾīl (Hrsg.). Jeru­sa­lem: Manšūrāt Rābiṭat al-Ǧāmiʿīyīn al-Yahūd an-Nāziḥīn min al-ʿIrāq, 1983, S. 81.
  4. Šāʾūl, Anwar: Al-Ḥiṣād al-Awwal. Iḥdā wa-Ṯalāṯūn Qiṣṣa ʿIrāqīya. Bag­dad: al-Muʾallif, 1930.
  5.  Mül­ler, Heidy Mar­grit; Fein­berg, Anat; Kolo, Kamal Odi­scho (Hrsg.): Das Ende des baby­lo­ni­schen Exils. Kul­tur­ge­schicht­li­che Epo­chen­wen­de in der Lite­ra­tur der letz­ten ira­kisch-jüdi­schen Auto­ren. Wies­ba­den: Rei­chert, 2011, S. 304.
  6. Šāʾūl, Anwar: Qiṣṣat Ḥay­ātī fī Wādī ar-Rāfi­dayn / Mūrīh, Šamūʾīl (Hrsg.). Jeru­sa­lem: Manšūrāt Rābiṭat al-Ǧāmiʿīyīn al-Yahūd an-Nāziḥīn min al-ʿIrāq, 1980.
  7. Šāʾūl, Anwar: Wa-bazaġa Faǧr ǧadīd. Dīwān Šiʿr / Mūrīh, Šamūʾīl (Hrsg.). Jeru­sa­lem: Manšūrāt Rābiṭat al-Ǧāmiʿīyīn al-Yahūd an-Nāziḥīn min al-ʿIrāq, 1983.